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Das "Album Déportation"

Edit Bán Kiss hat nie über die Deportation geschrieben oder gesprochen. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Budapest am 1. Juli 1945 begann die Bildhauerin zu malen, wie im Versuch, sich schnell von lastenden inneren Bildern zu befreien. Ergebnis sind die 30 Gouachen des Zyklus „Déportation“, der schon im September 1945 in Budapest ausgestellt wurde.

Helmuth Bauer hat die Bilder 25 Jahre nach dem Tod der Künstlerin in London aufgefunden, und sie seitdem ausgestellt in Berlin (1994), Potsdam und Paris (1995), Ravensbrück (1997-1999), Budapest (1996 Jüdisches Museum und Balint Ház 2014).

Zur Eröffnung der Ausstellung im Holocaust Museum Budapest (10. April 2010) richtete der ungarische Dichter Iván Sándor, wie Edit Kiss 1944 aus Ungarn deportiert, Auschwitz-Überlebender und Träger des bedeutenden Kossuth-Preises einen verstörenden Blick auf die Bilder von Edith Kiss.
Als er die Bilder das erste Mal ansah, habe er gespürt, wie Edit Kiss, der er zwar 1944 nicht begegnet sei, ihn in der Ausstellung

„mit einem zweiten Blick beschenkt. In ihrer Gouachen-Reihe aus Ravensbrück werden die Gesichter der Millionen Menschen, die ihren letzten Weg gegangen sind, in einem Blick konzentriert. Auf den Apokalypse-Bildern von Hieronymus Bosch sind ähnliche Skelettfiguren zu sehen. Eine Frau, am Ende der Marschkolonne, blickt zurück [‚Album Déportation‘, Bild 1], blickt auf uns. Auf ihre heutigen Betrachter. In ihrem Blick ist Interesse, kein Schrecken. Vielleicht auch ein wenig Neugier: Was wird die Nachwelt mit dem Schicksal der in den Tod Geschickten, der Eingeäscherten anfangen? Die Gesichter, die wir auf den Bildern der Ausstellung sehen, streifen nicht nur das hinter uns liegende Jahrhundert. Auch unsere Gegenwart im 21. Jahrhundert. Ich wage zu sagen, die nähere Zukunft des Menschen in Europa.“

Quelle: Buch "Innere Bilder wird man nicht los", Einleitung S. 14)

In der Folgezeit hat die Orbán-Regierung alle Beschäftigten des Museums entlassen und durch ihr genehme Leute ersetzt.

 

 La déportation commence par une marche  Une qui est restée à la fin de la queue  Deux qui ne peuvent plus continuer  Dans le wagon  Le camp
 „Appel!“  Travail à l’usine  La fatigue  Repos après le travail  On se rechauffe les mains au poêle de coke
 Deux prisonnières  Travail  Bataille pur une pomme de terre  „Tu as faim? Tiens“  Au lavabo
 Querelle de prisonnières  Au chantier de terrassement  Retour du chantier  „Que se passe-t-il chez nous?“  Larein des rutabagas
 La punition  La corvée  Une autre corvée  Distribution de la soupe  La soupe
 Noël  Un petit „jeu“  La nuit  Passage à la chambre de gaz  La fin

© Dr. Helmuth Bauer. Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung.

Wir waren einander eine Stütze, seelisch

Germaine Tillion, Ágnes Bartha und Anise Postel-Vinay, Saint-Mandé, 25.März 1995Den folgenden, von der Verbundenheit mit ihrer Freundin Edit geprägten persönlichen Erinnerungen von Ágnes Bartha sind Eindrücke und Kommentare von Germaine Tillion und Anise Postel-Vinay beigegeben, die die Ethnologin und die Historikerin beim gemeinsamen Betrachten der Bilder des „Album Déportation“ mit Ágnes am 25. März 1995 in Germaine Tillions Haus in Paris, Saint-Mandé spontan eingeworfen haben. Die beiden Französinnen waren bereits über ein Jahr in Ravensbrück, als die Ungarinnen am 21. November 1944 dort eintrafen; beide verbrachten insgesamt 18 Monate als Häftlinge in Ravensbrück. Die Mutter von Germaine, Emilie Tillion, wurde dort am 3. März 1945 in der Gaskammer ermordet. Germaine Tillion und Anise Postel-Vinay haben nach 1945 jahrzehntelang zu Ravensbrück geforscht, Archive aufgebaut und mehrere Bücher über das Frauenkonzentrationslager geschrieben.

 

Ágnes Bartha: Nach dem 16. Oktober 1944 erschienen in Budapest Plakate, dass die Juden sich mit Handgepäck und Verpflegung für drei Tage im KISOK-Stadion einfinden müssen. Dort habe ich Edit Bán getroffen, die ich vorher nur einige Male kurz gesehen hatte, als sie bei Júlia Hegedűs in der Markó utca 7 im 4. Stock neben meiner Schwester Erna wohnte. Alle Mädchen und Frauen zwischen 16 und 40 Jahren wurden zuerst nach Gödöllő und dann nach Isaszeg gebracht. Mit Männern vom ungarischen Arbeitsdienst und mit russischen Kriegsgefangenen mussten wir Panzergräben ausheben und Schanzen errichten, die Budapest vor dem bevorstehenden Ansturm der Roten Armee schützen sollten. Am 26. Oktober 1944 hat Edit mir dort zu meinem 22. Geburtstag mit Spiritustabletten Tee gekocht.
Nach etwa zwei Wochen wurden wir zu einer Ziegelei, die als Sammelplatz diente, nach Óbuda eskortiert. Von dort mussten wir zu Fuß auf der Wiener Landstraße in Richtung Österreich laufen. Es hieß, dass es zur Arbeit geht. Ungarische Gendarmen und Pfeilkreuzler haben uns abwechselnd bewacht. In der Nacht haben wir auf Fußballplätzen geschlafen, im Regen, im Schnee, wir konnten uns nicht waschen, nicht umziehen, ... der ganze Weg war schlimm.

Anise Postel-Vinay: Es ist schrecklich, wenn man sich vorstellt, wie sie immer weitergetrieben wurden ...

Germaine Tillion: Vorher lebten die Juden verstreut in Europa, dann kam dieses totale Zusammenpferchen und Vernichten, und dann, wie bei einer Bombe, die explodiert, die Überlebenden verstreut in alle Welt ...

Ágnes: Die nicht mehr weitergehen konnten, zurückgeblieben oder zusammengebrochen sind, die haben sie liegengelassen. Was dann mit ihnen geschehen ist, weiß ich nicht. Aber täglich sahen wir Gestorbene am Straßenrand liegen.

Germaine: C’est l’histoire dure. Die Mühsal des Einzelnen auf dem Weg.

Ágnes: Schon am ersten Tag war Edits Rucksack gestohlen worden. Den Rucksack haben wir später wiedergefunden, aber ihre Decke nicht. Da habe ich zu Edit gesagt: „So lange ich eine Decke habe, hast Du auch eine“, und wir schliefen fortan nachts zusammen unter meinerDecke. So hat unsere tiefe Freundschaft begonnen. Es war so wichtig, nicht alleine zu sein. Alleine konnte man das nicht überstehen.
Meine Schwester war auch mit uns auf dem Marsch. Einmal konnte Erna eine Strecke auf einem Wagen mitfahren, und sie hat mir meinen Rucksack abgenommen. Später haben wir ihn an einer Straßenkreuzung auf der Landstraße liegen sehen. Erna war aus dem Marsch verschwunden. Gott sei Dank haben wir den Rucksack wiedergefunden, das war ein großes Glück.
Erst Jahrzehnte später habe ich zu Erna gesagt: „Hast Du bei Deiner Flucht aus dem Marsch nicht daran gedacht, wenn mein Rucksack mit der Decke verloren geht, erfrieren Edit und ich auf der Landstraße.“
In Zürndorf wurden wir von SS in Viehwagen verfrachtet. Da waren wir noch mit den Männern zusammen. Die wurden in Mauthausen rausgeholt. Manchmal hat man uns ein wenig Wasser und ein Stück Brot hereingereicht. Einen Kübel, wo wir unsere Notdurft verrichten könnten, haben sie reingestellt. Die Gestorbenen haben sie unterwegs manchmal herausgeholt. Drei Tage waren wir unterwegs bis nach Ravensbrück.
Edits 39. Geburtstag war im Waggon am 21. November 1944. Ich hatte von Ungarn zwei Dosen Ovomaltine dabei, die mir ein Händler beim Marsch durch Dorog mitgegeben hatte. Die waren aus Pappe, und da habe ich mit der Schere für Edit aus einer Dose eine Rose geschnitten. Edit hat sie nach Ravensbrück mitgebracht. Solche Kleinigkeiten haben uns Mut gemacht zum Weiterleben.

Germaine: Welche der Frauen wird sie selbst gewesen sein? Bei ihr gibt es bunte Kleider, Farbe in den Gesichtern ... In meiner Erinnerung war alles viel dunkler, düsterer. Aber vielleicht ist meine Erinnerung geschwärzt. [Vor dem Umblättern betrachtet Germaine lange und versunken das Bild.]

Ágnes: Als wir in Ravensbrück ankamen, sind wir auf der Straße an Häusern entlanggegangen, da war alles schön hergerichtet mit Geranien an den Fenstern, und rote Teppiche waren ausgelegt, und wir haben gesagt: „Das kann kein so schlimmes Lager sein.“ Aber als wir durch das Tor eingetreten sind, wo aufgeschrieben war „Arbeit macht frei“, da haben wir die Leichen auf einem Wagen liegen sehen, und der Zaun auf der Mauer war überall elektrisch eingeleitet – da wurde uns klar, jetzt sind wir in ein richtiges KZ gekommen. Die Baracken waren schon so überfüllt, dass sie uns zuerst in einem großen Zelt untergebracht haben, ohne Betten, nasses Stroh auf dem Boden, ohne Toiletten, ohne alles. Die Zustände dort waren so schrecklich, dass Edit versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Nach einigen Tagen im Zelt wurden wir dann in eine Baracke gebracht.

Anise: Ist das ein Bild aus einem Alptraum oder aus einem Märchen?

Germaine: Das ist nicht Ravensbrück. Die höchste Nummer der Baracken in Ravensbrück war 32. Es ist „le camp“ – inspiriert von Ravensbrück, weil dort alles parallel war. Und in der Ecke ein Wachturm. [Sie betrachtet das Bild sehr lange und versunken.]
Neben dem Block 24, in dem ich war, hatte man auf einem freien Gelände, wo der Grund sich nicht zu einer Überbauung eignete, ein Zelt errichtet. Und in diesem Zelt hat man die ungarischen Jüdinnen eingepfercht. Eine Not, ein Elend, im Dreck – es war unbeschreiblich.
Ich war zu dieser Zeit selbst sehr schwach und krank. Aber ich habe trotzdem versucht – wenn keine Aufseherinnen und keine SS in diesem Bereich zu sehen waren – in das Zelt hineinzugehen, um zu sehen, ob man vielleicht den Frauen etwas helfen könnte. Zu geben hatten wir ja nichts, fast nichts, aber vielleicht doch ein kleines Stück von unserem Brot, oder ein wenig Wasser, jedenfalls einige Worte. Ich bin also in dieses Zelt hineingegangen. Aber unglücklicherweise sprachen die ungarischen Jüdinnen nur ungarisch. Ich konnte ihnen nichts sagen. Auch nicht sie fragen, wie sie hierhergekommen waren.
Es ist ein Traumbild, eine Erscheinung. Es ist ein Lager, aber nicht das Lager Ravensbrück.
Sie hat sich ein Lager vorgestellt, das ähnlich ist wie das von Ravensbrück. Sie hat sich unbestimmte Lager vorgestellt und man könnte annehmen, dass sie sich ein Deutschland vorgestellt hat, in dem Lager auf Lager sich aneinanderreihen. [Nach einer Weile Stille:] Ja, das kann man sehr wohl annehmen. Es ist ein Alptraum.

Ágnes: Sie haben unsere Kleidung und alles, was wir dabei hatten, weggenommen und uns fremde Kleider gegeben, Sommerkleidchen, obwohl es schon sehr kalt war, überhaupt irgendwelche Klamotten. Als wir uns anschauten, mussten wir lachen. Wir konnten nicht anders als lachen – vor Erschütterung darüber, wie wir ausgeschaut haben. Meine Schuhe haben sie mir abgenommen. Wie es Edit gelungen ist, ihre Skistiefel zu behalten, die ganz dicke Sohlen hatten, kann ich heute noch nicht begreifen. Es gibt solche Sachen, die unbegreiflich sind ... Aber für sie war es ein Glück, weil wir oft stundenlang Appell stehen mussten. Die Sohlen der Schuhe, die ich bekommen habe, sind nach ein paar Tagen abgerissen und ich konnte nur notdürftig ein Stück Pappe darunter binden. Deshalb war ich immer ganz durchgefroren. Wenn wir uns beim Zählappell bewegten oder ein Wort zu der anderen sagten, wurden wir mit der Rute geschlagen. Wenn eine zusammenbrach, durften wir nicht helfen.
Gott sei Dank waren wir nicht lange in Ravensbrück. Eines Tages mussten wir auf der Lagerstraße in Fünferreihen antreten. Wir sollten ausgewählt werden. Zuerst haben wir nicht gewusst, wofür. Gleich nach unserer Ankunft hatten wir gehört, dass sie junge Mädchen für deutsche Soldaten aussuchen. Fürs Bordell. Davor habe ich mich riesig gefürchtet. Das könnte ich nicht überleben. Dann kam ein Ingenieur, später haben wir ihn in der Fabrik von DaimlerBenz wiedergesehen. Zusammen mit einem SS-Mann hat er ausgewählt. Menschenmaterial fürs Werk. Zuerst Judith, sie war 18 Jahre alt, mit ihrer Mutter. Dann mich. Aus Angst, ohne Edit zu bleiben, habe ich meine ganze Kraft zusammengenommen und zu den Männern gesagt, „meine Cousine ist auch hier“, sollen sie uns zusammen lassen. Sie haben sich gewundert, dass ein Häftling es wagt, sie anzusprechen, und fragten: „Wo ist sie?“ Da ist Edit hervorgetreten. Sie sah sehr schlecht aus nach dem Selbstmordversuch, mit vertrockneter Haut, grau und gelb im Gesicht. Die Männer haben abgewinkt: Nein. Da hat Edit sich zusammengenommen und gesagt: „Ich weiß, dass ich schlecht aussehe, aber ich fühle Kraft genug, für Deutschland zu arbeiten.“ Sollen sie sie mitlassen. Da haben sie wieder gestaunt – und dann haben sie genickt. So sind wir zusammen geblieben. Gott sei Dank. Denn ich glaube, weder sie noch ich hätten das alleine durchstehen können. Wir waren einander eine Stütze, seelisch.

Germaine: Beim Appell in Ravensbrück waren die Reihen viel strenger ausgerichtet. [Nach langem, stillen Betrachten:] Doch ist es sehr bewegend ...

Ágnes: Am 5. oder 6. Dezember, ich kann mich nicht ganz genau erinnern, hat man uns auf einen offenen Lastwagen gepackt und nach Genshagen in das Daimler-Werk gebracht. Unterwegs kamen wir durch Berlin, dort hat es überall gebrannt.
In Genshagen waren die Umstände beim Arbeiten grausam. Als Menschen waren wir ausgeschaltet. Wir waren nur Sklaven und Maschinen. Was sie sagten, mussten wir machen. Entweder Du machst es oder Du stirbst. Einen Motor für ein Flugzeug zusammenmontieren, mit dem man Menschen tötet, „für Deutschland arbeiten“. Und doch musstest du froh sein, dass du arbeiten kannst und am Leben bleibst.
Einmal habe ich eine Schraube abgerissen. Ich fragte den Meister, was ich tun soll, es sei einfach so passiert. Der Meister meinte, ich solle das auf keinen Fall melden, sonst würde ich erschossen, weil man das als Sabotage ansieht. Während der Mittagspause bohrte er die abgerissene Schraube heraus und sprach nicht mehr davon. Das fand ich sehr anständig von ihm.

Germaine: Ich sehe jetzt, und das viel besser in diesen Farben, dass es sich offensichtlich um ein Arbeitskommando handelt. Ich denke, man hat sie in ein Außenlager gebracht. [Germaine und Anise versuchen, die Häftlingsnummern zu entziffern, und stellen fest, dass es sich auf Edits Bildern offensichtlich nicht um Nummern handelt, die bestimmten Transporten nach Ravensbrück zuzuordnen wären.]

Anise: Das ist idealisiert. Die Frauen wirken wie Personen der Antike.

Germaine: Sie sind Statuen. Ein fantastisches Spektakel.

Ágnes: In Genshagen haben wir neue Nummern bekommen. Edits Nummer war 13 022, meine 13 023. Wir mussten 12, 24, und am Monatsende, wenn noch Motoren fehlten, auch 36 Stunden ohne Schlaf arbeiten.

Germaine: Die Erschöpfung. Der Dauerzustand. Sehr zutreffend dargestellt.

Ágnes: Alle waren wir müde und verzweifelt.

Germaine: Mir scheint, dass sie immer von denselben Gesichtern inspiriert ist. Vielleicht gab es jemanden ... Sie hat an bestimmte Frauen gedacht.
Bei ihr haben sie alle noch ihre Haare behalten. In Ravensbrück waren die Frauen kahl geschoren und viel stärker abgemagert. Sie waren nur noch Skelette in Ravensbrück. [Wieder versuchen Germaine und Anise, Nummern zu entziffern.]

Ágnes: Manche hatten Unterwäsche, andere keine. Strümpfe gab es gar nicht. In der Fabrik war es sehr kalt, weil das Dach an einem Ende der Halle von Bomben zerstört war. Es gab ein oder zwei Maschinen, wo warme Luft durchlief. Dort krochen wir rein, um uns ein bisschen aufzuwärmen. Aber ein Meister, der besonders schlimm war, hat uns immer an den Füßen herausgezogen. An manchen Stellen waren Fässer mit glühender Kohle aufgestellt. Wenn wir uns da ein wenig erwärmen wollten, haben die Aufseherinnen uns weggejagt.

Germaine: Das habe ich niemals in Ravensbrück gesehen. Niemals konnte man sich in Ravensbrück die Hände wärmen. Das ist offenbar eine Tonne, in der man irgendwelches Material verbrennt. Eine Szene, die besonders charakteristisch für das betreffende Außenlager ist.

Ágnes: Edits Seele war sehr verschlossen. Über die Therapie, die sie in Budapest gemacht hatte, sprach Edit nicht, aber dass sie eine gemacht hat, hat sie erwähnt, und auch, dass sie nie gedacht hätte, so eine tiefe Freundschaft wie zwischen uns erleben zu können. Dass gerade ich ihr so nahekommen konnte, war ein Zufall, wegen der Umstände in der Deportation. Im KZ war es überlebenswichtig, eine Freundin neben sich zu haben.

Anise: Die schönen Gesichter der Frauen. Sie erinnern an Gesichter der Schule von Maître de Chaource aus dem 16. Jahrhundert.
Germaine [betrachtet lange die beiden Gesichter auf Bild 11 und stimmt Anise dann zu]: Und von zwei bestimmten Frauen inspiriert. Es ist offensichtlich, dass das die beiden Gesichter sind, die immer wieder erscheinen.

Ágnes: In Ravensbrück haben wir auch die schweren Loren geschoben. Zu diesem Bild hat Edit mir einmal gesagt: „Da habe ich Dich und mich gemalt.“ Die Blonde war ich, die andere sie. Meine Füße hat sie ohne Schuhe gezeichnet.

Germaine: Wieder dieselben Gesichter. Die beiden machen, was wir in Ravensbrück die ganze Zeit gemacht haben.

Anise: Sieh den Typ mit den gespreizten Beinen! [lacht]

Ágnes: Ich hätte nie einer anderen ein Stück Brot wegstehlen können. Viele, die schon jahrelang drinnen waren, haben es getan. Man kann es ihnen nicht übelnehmen, sie haben ihre Würde ganz und gar verloren. Da hieß es: „Entweder Du oder ich.“
Und trotzdem hätte ich es nicht machen können.
Sie haben Untersuchungen gemacht um herauszufinden, mit wie wenig Essen und mit wie viel Arbeit ein Mensch noch lebt. Wir mussten sagen, wie schwer wir vor dem KZ waren. Dann haben sie uns abgewogen. In Genshagen wog ich am Ende noch 29 Kilo.

Germaine: Man muss schon Kartoffeln haben, um sich um eine Kartoffel schlagen zu können. Diese Szene ist nur denkbar in einem Außenkommando. In Ravensbrück hatte niemand einen Korb voll Kartoffeln. Wir jedenfalls, die „Verfügbaren“, wir haben nie auch nur eine Kartoffel gehabt. Das erinnert mich an einige Zeilen aus der Operette, die ich in Ravensbrück verfasst habe. [Germaine zitiert aus dem Gedächtnis:]

Un pauvre Verfügbar, piqué pour la Corvée,
Sous le faix du fardeau, aussi bien que des ans,
Gémissant et courbé, marchait d’un pas pesant,
En tâchant de gagner un bloc hospitalier,
ou bien d’aller aux cabinets.
Il pense à ses malheurs, il mesure sa misère:
Pas de tartine le soir, Midi sans pommes de terre. 1  

Die im „Betrieb“ arbeiten mussten, bekamen zwei Kartoffeln. Aber sie hatten nicht das
Privileg, sich in einen Zuber voll Kartoffeln stürzen zu können.

Ágnes: Die SS-Frauen waren glücklich, wenn sie uns schlagen konnten. Schlagen, mit Füßen treten, erniedrigen, das haben sie gewollt. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie Menschen, wie Frauen das tun können, und abends gehen sie nach Hause, umarmen ihre Lieben, nehmen ihre Kinder auf den Arm ...

Germaine: Der Schlag.

Anise: Das Gesicht.

Germaine: Die Bestie. Das Gesicht der Bestie.

Anise: Sie ist zufrieden. Seltsam, dieses Grün in den Kleidern von beiden ...

Ágnes: Das einzig Gute in Genshagen war, dass wir warmes Wasser hatten. Nicht nur wegen der Kälte. Man kann sich heute nicht vorstellen, wie wichtig das war: sich waschen können. Auch als Schutz gegen Infektionen. Im Werk waren runde Waschbecken, die in der Mitte ein Rohr hatten, wo rundherum warmes Wasser rausgekommen ist. Es war nicht leicht, da ranzukommen, denn es waren nicht genug Becken da für alle.
Aber dass wir uns waschen konnten, das hat auch zum Überleben geholfen.

Anise: Das kleine Paradies ...

Germaine: Sie können sich waschen. Solche Waschbecken gehören, wie schon die Fässer, an denen sie sich die Hände wärmen konnten, und die Kartoffeln zu den Dingen, die in Ravensbrück absolut unvorstellbar waren. Die Skelett-Figuren der Frauen dagegen schon.

Ágnes: Solidarität gab es im Lager. Aber manche, die schon längere Zeit drinnen waren, hatten ihre Nerven und ihre ganze Würde verloren, und es gab zwischen den Häftlingen auch Kampf und Streit. Ist traurig, aber doch wahr. Das Schwerste in dieser Hölle war, Mensch zu bleiben.

Anise: Eine Schlägerei.

Germaine: Bei so etwas war ich nie zugegen.

Anise: Ein starkes Bild.

Germaine: Ich kann mich nicht erinnern, jemals an einer Schlägerei unter Häftlingen beteiligt gewesen zu sein. [zu Anise] Du doch auch nicht?

Anise: Es war nicht Deine Art. [Anise bleibt unentschieden.]

Germaine: Ich jedenfalls habe nie so etwas gesehen. Ich habe nie irgendeine Schlägerei gesehen. Ich habe das Glück gehabt – wenn man so sagen kann – NN [Nacht und Nebel]-Häftling gewesen zu sein. Die Folge war, dass ich mich in einem Block befand, wo die Mehrheit französische politische Gefangene waren. Vielleicht kann ich mich deshalb an so eine Szene nicht erinnern ... Ich habe mich niemals mit irgendjemandem geprügelt.
[Anise bleibt noch lange versunken bei dem Bild.]

Ágnes: Bei Schnee und Eis mussten wir in Ravensbrück Sand ausheben und auf einen anderen Platz schütten, und am nächsten Tag wieder zurück.
Wenn wir in Genshagen keine Arbeit hatten, mussten wir in die Kälte hinaus und Trümmer wegschaffen. Manchmal mussten wir mit der bloßen Hand Eisenträger wegschleppen, zu einer anderen Stelle bringen, und am nächsten Tag dasselbe wieder zurück. Das war ein Unsinn, nur, um uns keine Ruhe zu lassen, um uns zu quälen. Das wollten die SS, dass sie ohne Vergasung uns langsam vernichten.

Germaine: Der Schnee.

Anise: [sucht Gesichter, die ihr schon früher aufgefallen waren]: Man sieht, wie ungeschickt sie waren. Diese arme Frau weiß gar nicht, wie man einen Spaten richtig hält.

Germaine: Wie ich. [Sie lachen.]

Ágnes: Nach der Außenarbeit mussten wir in der Kälte auch noch Appell stehen.

Germaine: Das dagegen, mit einer Schaufel oder einem Spaten auf der Schulter zurückkehren, das habe ich genau so unglaublich oft gemacht. Das tägliche Schauspiel. Die Geschichte von Beschäftigen und Ausnützen. Das Material erschöpfen. [Hinund Herblättern zwischen den Bildern 17 und 18]

Anise: Es ist sehr merkwürdig, dass sie immer dieselbe Landschaft malt. Ob das die Landschaft ihrer Kindheit ist?

Germaine: Oder imaginiert. Eine wüste Hochebene ...

Ágnes: Wenn jemand zu einer Nachricht gekommen ist, war es wichtig, sie an die anderen weiterzugeben. Für uns war es sehr bedrückend, dass wir Motoren für den Krieg montieren mussten und nichts von unseren Familien wussten. Meine Eltern waren ja schon vor mir weggeschleppt. Ob es meiner Schwester gelungen war, aus dem Marsch zu fliehen, wusste ich damals nicht. Edit hat nicht von ihren Eltern gesprochen, nur über die beiden Männer. Und über Kunst. Ich weiß nicht einmal, ob sie wusste, dass ihr Vater in Budapest gestorben war.
Gegen Ende haben einige Meister uns Nachrichten gebracht und gesagt: „Gestern wurde Eure Hauptstadt befreit.“ Und später: „Haltet aus, die Front ist schon ganz nah.“ Wir bangten, ob wir wohl das Ende von all dem erleben können. Die Deutschen haben sich davor zum Teil mehr gefürchtet als wir. Sie sagten: „Wir kennen unser Volk, niemand wird das überleben, damit kein Zeuge bleibt.“ Die ganze Halle wäre mit Sprengladungen unterminiert, und kurz vor Schluss würde man alles in die Luft jagen.

Anise: Dieses Bild ist sehr schön.

Germaine: Ja. Der Abend. Man fragt sich ...

Anise: Diese großen Gesichter sind schön.

Germaine: Und dramatisch. Das beschwört Gestalten des Mittelalters herauf ... Und das ist die Farbe, die in meiner Erinnerung dominiert.

Ágnes: Edit hat sehr unter dem Hunger gelitten, und ich unter der Kälte, weil meine Schuhe keine Sohle hatten. Manchmal konnte eine Frau uns aus der Küche Abfälle oder eine geklaute Rübe mitbringen. Täglich haben wir ein Stück Brot bekommen. Mit einem Messer, das wir uns im Werk gemacht hatten, habe ich das Brot in ganz dünne Scheiben geschnitten, und zwei Scheiben habe ich immer beiseitegelegt, um am Abend wenigstens ein winziges Stück Brot im Magen zu haben und den Hunger nicht so zu spüren.
Edit konnte kein Brot aufheben, sie hat ihres gleich aufgegessen. Und ich konnte nicht alleine die zwei Scheiben aufessen und habe immer eine ihr gegeben. Sie wollte es erst nicht annehmen. Ich habe gesagt, dann esse ich auch nicht. Die eine hat die andere gestützt, seelisch. Wenn die eine ganz unten war, war die andere die Stütze.

Germaine: Sie haben Rüben geklaut. Bravo. Sie haben’s gut gemacht.

Ágnes: Geschoren werden war auch eine Strafe. Davor habe ich mich am meisten gefürchtet. Edit hat immer wieder zu mir gesagt: „Mein Kind“ – sie war 17 Jahre älter als ich und hat mich „mein Kind“ genannt – „Du bist auch in schweren Situationen ruhig, aber wenn die Rede darauf kommt, dass Deine Haare geschoren werden könnten, wirst Du ganz verrückt.“ Das war wirklich so. Wir haben uns dann etwas ausgedacht. Valuta im Lager war eine Tagesration Brot. Für ein Tagesbrot habe ich eine kleine Schere geliehen, und Edit und ich haben uns die Haare kurz geschnitten, sodass wir nicht mehr geschoren wurden. Es war dann auch leichter, die Haare rein zu halten, wegen der Läuse.

Germaine: Die Bestie. Wieder eine Bestie im Nacken. Das Entsetzen vor der Bestie. Ich glaube nicht, dass das eine Aufseherin ist. Die Aufseherinnen trugen alle Uniform. Aber das Bild ist gelungen. Mehr und mehr nähern wir uns der Gestalt meiner Erinnerung.

Ágnes: Täglich mussten wir von der Küche die Kübel mit der Suppe holen.

Anise: Ein Suppentransport?

Germaine: Und wir finden unsere beiden Hauptdarstellerinnen wieder. Ganz sicher. Immer wieder die beiden gleichen Gesichter. Gezeichnet in einer Landschaft, die ich nicht kenne. Das ist nicht die Landschaft von Ravensbrück. Das ist anderswo, in einem anderen Lager. Vielleicht eine innere Landschaft. Eine Landschaft der Gefühle.

Anise: Noch ein Suppentransport, wahrscheinlich.

Germaine: Und wieder unsere beiden ...

Anise: Und wieder diese ungewisse, unsichere, quasi fremde Landschaft. Sie sieht immer Hügel, Edit. Vielleicht die Landschaft ihrer Heimat.

Ágnes: Es gab immer Streit, wer zuerst Essen bekommt. Die SS hat Häftlinge ausgesucht, die bestimmte Aufgaben übernehmen mussten. Die Lagerälteste war eine Polin. Sie hat das Essen ausgeteilt.

Anise: Die Lagerälteste! Das ist großartig.
Germaine [heftig reagierend]: Ja. Genau das ist es. Der Hunger. Schau in diese Gesichter. Hungeraugen. Das Antlitz des Hungers. Und die Bestie.

Ágnes: Morgens bekamen wir sogenannten Kaffee, der nur schwarzes Wasser war, und ein Stück Brot, abends „Dörrgemüse“ oder dünne Suppe.
Eines Tages war die Suppe dicker. Da haben wir gesehen, dass Würmer drinnen sind. Ich habe mich so geekelt und zu Edit gesagt: „Das kann ich nicht essen.“ Edit hat gesagt: „Du musst es essen. Schließ Deine Augen, mein Kind, und iss. Das ist unsere Eiweißernährung.“ Als dann später keine Würmer mehr drinnen waren, haben wir gesagt: „Wenigstens einige Würmer sollten drinnen sein, damit unser Magen ein wenig Essen spürt.“
Beim Benz-Daimler haben wir Franz Friedel kennengelernt [Frieda Franz. Vor und Nachname werden im Ungarischen umgekehrt]. Sie arbeitete im Büro als Schreiberin. Friedel war eine deutsche politische Gefangene. Sie war schon lange Zeit im Gefängnis und im Zuchthaus gewesen und dann in verschiedenen KZs. Sie hat uns sehr viel geholfen. Als Edit vor Schwäche nicht mehr arbeiten konnte und nach Ravensbrück zurückgeschickt werden sollte, hat Friedel ihr Nachschlag bei der Suppe beschafft. Das hat ihr vielleicht das Leben gerettet.

Germaine: Ein Tisch. Unbekannt in unseren Blocks in Ravensbrück. Das ist in einem Kommando, weit entfernt von Ravensbrück.

Ágnes: An Weihnachten kann ich mich nicht erinnern. Für mich war das ein Tag wie jeder andere. Sonst hätte ich es vielleicht nicht ausgehalten: ohne Familie, ohne Fest, ohne alles ...
Die Zeit verging, Dezember, Jänner, Feber, März ...
Edit hatte sich mit der Schreiberin Franz Friedel befreundet. Ihr gelang es, sieben oder acht ungarische Häftlinge in einem kleinen Raum zusammen unterzubringen. Das war für uns der Himmel in der Hölle, da waren Betten drin, und wir mussten nicht zu zweit oder zu dritt auf einer Pritsche liegen. Da hatten wir jeder ein Bett für sich, und es gab auch einen Tisch zum dran Sitzen. Man glaubt nicht, was so ein Tisch bedeuten kann unter solchen Umständen.
An Ostern, das war Anfang April, haben wir besprochen, dass jede eine Woche lang von ihrem Tagesbrot ein Stückchen beiseitelegt. Mit schwarzem Kaffee haben wir es eingeweicht und mit etwas Marmelade „Brottorte“ gemacht. Von einem Meister haben wir eine Kerze und Papier bekommen und daraus Teller ausgeschnitten. Judith hat gut gezeichnet und für alle, die in unsrer Stube waren, „Tischkarten“ gemacht, worauf jede von uns karikiert war, sich selbst erkennen und ihren Platz finden sollte. Edit hat 12 Blätter „Lagerleben in Bildern“ skizziert, was alles darauf zu sehen war, weiß ich nicht mehr.
Mit Stofffetzen, die wir unter den Trümmern gefunden hatten, habe ich die 12 Blätter zu einem Heft gebunden. Und aus dem Tarnnetz, mit dem die Fabrikhalle abgedeckt war, habe ich weiße Watte herausgenommen und Osterhasen gemacht. Eine andere Frau hat aus Lumpen eine Hose zusammengenäht, und wieder eine andere hat Taschentücher gemacht, jede sollte von den anderen ein Geschenk bekommen. Damit wir ein Fest haben.
Die Lagerälteste, eine Polin, wollte Edits Bilder einer der SS-Frauen zeigen, von der sie meinte, „die ist gut“, und dass die Bilder der auch gefallen würden. Wir waren dagegen, weil wir ahnten, das wird nicht gut ausgehen. Aber sie hat ihr die Bilder doch gezeigt. Dann hörten wir: „Wer hat das gemacht?“ – „Meine Ungarinnen.“ – „Es geht ihnen zu gut, dass sie noch die Kraft haben, so etwas zu machen.“ Fünf Minuten später waren wir schon aus dieser schönen Stube rausgeschmissen und wieder zu zweit auf einer Pritsche in einem der großen Kellerräume. Sie konnten es nicht ertragen, sich selbst als Karikatur zu sehen. Aber wir haben uns gesagt: Es hat sich gelohnt, wir konnten uns wenigstens einmal wieder wie Menschen fühlen. Die Bilder von Edit haben wir nie wieder gesehen.
Zwei oder drei Wochen vor dem Ende habe ich bei der Arbeit leise angefangen zu singen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai.“ Eine Aufseherin hat das gehört und war so wütend, dass sie mit der Rute zu mir kam und ich einige Streiche abkriegte. Aber ich sagte mir, das war nicht umsonst. Ein bisschen habe ich ihr auch Ärger machen können, nicht nur sie uns.

Germaine: Eine Kerze. Unvorstellbar in Ravensbrück. Wir hatten keinen Tisch. Und schon gar keine Kerze.
Man sieht sofort, dass dieser Ort einen völlig anderen Charakter hat als Ravensbrück. Obwohl das Personal, das überwachte und die Befehle gab, dasselbe war wie in Ravensbrück, gab es doch eine Ordnung, die ein wenig menschlicher war als in Ravensbrück.

Ágnes: Eine von uns Ungarinnen, Zsófi, hat Durchfall gehabt und wollte sich waschen. Zwei SS-Frauen haben es bemerkt. Sie haben das Fenster geöffnet, mitten im Winter, und sie mit kaltem Wasser abgeschüttet. Sie ist danach ganz verwirrt geworden und ins Revier [Krankenrevier] gekommen. Sie kam nicht zur Arbeit zurück und wir glaubten, dass sie es nicht überlebt hätte. Erst im September 1945 ist sie nach Budapest zurückgekehrt.

Germaine: Die Brutalität. Die gewöhnlichen Bestien. Le colonel Duteil de La Rochère aus meiner Résistance-Gruppe „Réseau Musée de l’Homme“ wurde so ermordet ...

Anise: Er war ein alter Mann. Sie haben ihn nackt ausgezogen. Nach draußen in die Kälte gestellt. Germaine: Mit Wasser übergossen. Er ist gestorben. Ja, so waren sie. Eiskaltes Wasser über nackte Menschen schütten.

Ágnes: Wir hatten Alpträume im Schlaf. Aber auch die Wärme mit der Freundin unter einer Decke.

Germaine: Immer noch „Luxus“. In Ravensbrück waren wir nicht zu zweit, sondern manchmal zu viert auf einer Pritsche.

Ágnes: Wir mussten nicht nur vor den SS-Frauen, sondern auch vor den SS-Männern nackt ins Bad gehen. Dabei hatten wir immer Angst, da wir in Budapest gehört hatten, Gaskammern würden auch wie Duschräume aussehen.
Nach der Evakuierung aus dem Werk wurden wir jüdischen Häftlinge in Sachsenhausen von den anderen Frauen aus Genshagen abgeteilt und am 21. April 1945 nicht von dort aus auf den Todesmarsch, sondern noch einmal nach Ravensbrück zurück geschickt. Friedel hatte eine Liste gesehen, auf der nur die Nummern von uns jüdischen Häftlingen standen, und sie hat uns gewarnt, dass man uns noch in der Gaskammer von Ravensbrück ermorden wollte. Wir sollten unter allen Umständen versuchen zu fliehen. Sie hat uns auch Namen und Adressen von Kommunisten genannt, die helfen könnten. Aber fliehen war unmöglich. Wir wurden in verschlossenen Waggons von Oranienburg nach Ravensbrück transportiert, immer in der Angst, auf dem Weg in die Gaskammer zu sein. Aber da die Strecke wegen Bombenschäden nur eingleisig zu befahren war und Militärtransporte unterwegs waren, dauerte die Fahrt drei Tage. Als wir am 24. April in Ravensbrück ankamen, hörten wir, dass eine Stunde vorher das Krematorium gesprengt worden war, um die Spuren zu vernichten. So sind wir am Leben geblieben.

Germaine: So stelle ich mir den Gang in die Gaskammer vor. [Erst jetzt liest sie den Titel des Bildes: „Passage à la chambre de gaz“.]

Anise: Ja. So kann man es sich vorstellen.

Germaine: Es ist vorgestellt. Die es gesehen haben, sind nicht mehr.

Ágnes: Als wir in Ravensbrück ankamen, war dort auch alles durcheinander. Wir haben den Krieg schon ganz nahe gehört und wollten die Befreiung im Lager abwarten. Edit und ich gingen zur Nacht immer in eine andere Baracke, damit sie uns nicht finden könnten. In Baracken, in denen Sterbende lagen. Dort suchte man nicht nach uns. Aber für uns war es schrecklich. Wir hatten kein Glas Wasser und nichts für diese armen Menschen. Sie flehten danach, aber wir konnten doch nichts tun ...

Germaine: Am Ende die Toten. Le cadavre squelettique. Was von einem menschlichen Wesen bleibt ...

Anise: Aber doch einige Blumen ...

Germaine: Wenn man so will. Es ist eine Imagination. Sie malt nicht nach der Natur. Das sind Albträume. Traumbilder, von jemand, der ein großes Talent hat, das als Bild aus sich herauszubringen, worüber er nicht sprechen kann.

 

1 Diese Passage ist in Anlehnung an Jean de La Fontaines Fabel "La Mort et le Bûcheron" geschrieben. Eine Rohübersetzung von Barbara Glaßmann befindet sich in dem Buch "Germaine Tillion. Frauenkonzentrationslager Ravensbrück", Lüneburg 1998, S. 177 f.