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Kinderschuh. Ein Nachwort

Aus einem Sommernachmittag vor 32 Jahren trage ich ein Bild in mir, das sich, weit im Südosten Polens, innerhalb weniger Stunden aus zwei scheinbar vollkommen unterschiedlichen Situationen und Eindrücken unlösbar eingeschmolzen hat. Die Geschichte vom Kinderschuh habe ich im Frühjahr 2010 meinen Töchtern Lena und Lisa erzählt. Am Ende sagten sie: „Wenn du mit dem Buch fertig bist, musst du Krzysztof suchen und schauen, wie es ihm geht.“
Nach Abschluss meiner Maschinenschlosserlehre fuhr ich im Sommer 1978 alleine in unserem VW-Bus durch Polen, zum ersten Mal war ich in diesem Land. Ich verbrachte mehr Zeit in Stutthof als in Gdańsk, mehr in Białystok als in den Masuren, mehr in Majdanek als in Lublin, mehr in Auschwitz als in Kraków. In Warschau war ich nicht.
Auf dem weiten Gelände um das Steine-Meer von Treblinka kein Mensch. Ich hatte mich verfahren, und in der Abenddämmerung fand ich nicht mehr den Weg hinaus. Panik erfasste mich vor dem Gedanken, an diesem Ort im Bus die Nacht verbringen zu müssen. Als am Horizont vereinzelte Lichter aufschienen, fuhr ich einen unbefestigten Feldweg darauf zu und trat voll aufs Gaspedal, als ich in einer Senke vor mir die Spur plötzlich überflutet sah. Augen zu und durch – schlingernd und schliddernd erreichten die Räder wieder tragfähigen Grund.
Am nächsten Morgen, im Dom von Lublin, sah ich bei der Sonntagsmesse die alten Frauen auf dem Steinboden knien. Dann ging ich durch die Baracken von Majdanek. Nach den Räumen voller Koffer, Taschen, Kleider, Brillen, Haare blieb ich vor einem kleinen Nebenraum erschrocken stehen. Kinderschuhe, haufenweise. Klein wie die Schuhe von Lena, die ich ihr morgens anzog, bevor wir in Berlin zum Kinderladen gingen. Ich stand fassungslos davor.
Erst wollte ich nicht mehr weiterfahren, saß rauchend unter dem schwebenden Riesenstein beim Parkplatz von Majdanek. Dann fuhr ich doch los.Weg hier, weiter nach Südost. Als ich durch Zamość fahre, ist mir nicht bekannt, dass Rosa Luxemburg hier geboren wurde. Ich weiß auch noch nicht, dass die Stadt im Jahr meiner Geburt dazu ausersehen war, von Polen entvölkert, mit Deutschen besiedelt zu werden und den Namen „Heinrich-Himmler-Stadt“ zu tragen. Dass aus dem Gebiet um Zamość 1942 alle Polen deportiert worden waren. Hier wollten die deutschen „Vordenker der Vernichtung“ die polnische Bevölkerung „siedlungsmäßig einkesseln und biologisch erdrücken“, zur „Platzschaffung für die Ansetzung von Volksdeutschen“.1
Ein roter Fiat Polski hält an jeder Ampelkreuzung vor mir. Er hat denselben Weg. Hinter Zamość kann ich ihn überholen, und jetzt fährt er hinter mir her. Kalinowice. Jatutów. Dörfer, die sich links und rechts der Straße ins flache Land verlieren. Ich fahre hinter einem der großen blauen Überlandbusse her. Dann passiert es.
Zwischen dem massigen Ikarus und meinem VW-Bus rennt ein kleiner Junge von rechts auf die Straße. Ein Blondschopf dicht vor meiner Scheibe – dann kracht es, und das Kind fliegt in hohem Bogen durch die Luft. Als mein Bus steht und ich zurückgehe, hält ein polnischer Bauer den Jungen im Arm. Das Köpfchen von Krzysztof hängt an Vaters Brust. Das blonde Schwesterchen schaut ängstlich zu ihnen auf. Der rote Fiat Polski hat gewendet und hält an. Mir wird mit heftigen Gesten bedeutet, dass ich diesen Ort nicht zu verlassen hätte. Dann werden Vater und Sohn in Richtung Zamość gefahren. Tereska rennt auf dem Sandweg der schreienden Mutter entgegen. In der Mitte der Straße liegt ein Kinderschuh.
Es ist Sonntagnachmittag im Distrikt Lublin. Ich sitze bei Łabunie auf der Böschung der Straße, die von Majdanek nach Bełżec führt. Nur wenige Autos kommen vorbei. Nach und nach erscheinen die Bewohner der umliegenden Gehöfte. Sie setzen sich um mich herum, bilden einen Kreis, als ob sie mich bewachen wollten. Oder beschützen. Niemand spricht. Sie bieten mir ihre Zigaretten an. Tereska muss ihrer Mutter erzählt haben, dass der Bruder von der anderen Straßenseite aus zu ihr und dem Vater rennen wollte. Und dabei von dem deutschen Auto erfasst und weggeschleudert wurde. Sind die beiden schon im Hospital angekommen? Lebt Krzysztof noch?
Nach eineinhalb Stunden kommt der blaugraue Nysa-Bus der Milicja. Sie haben einen Staatsanwalt mitgebracht, der ein wenig englisch spricht. Ich muss ins Alkoholtest-Röhrchen blasen, Pass, Visum und Fahrzeugpapiere abgeben. Dann werde ich aufgefordert, ihnen mit meinem Bus zu folgen. In der Miliz-Station von Zamość schließen sie ihn in einer Garage ein.
Ich will ins Hospital, werde aber den ganzen Abend von wechselnden Beamten in Zivil in gebrochenem Deutsch und Englisch wieder und wieder verhört. Meine immer aufs Neue vorgebrachte Frage, was mit dem Kind sei, bleibt ohne Antwort. Das wisse man nicht, das Kind sei in Tomaszów. Nach Stunden wird mir erlaubt, Juliusz Brniak in Kraków anzurufen. Er arbeitet als Anwalt im Rahmen von „Wiedergutmachungsangelegenheiten“ von Nazi-Verbrechen. Ich kannte Juliusz noch nicht, hatte mich aber telefonisch für den übernächsten Tag mit ihm verabredet. Brniak spricht gut deutsch. Als ich ihm sage, dass man mich hier belügen würde, ich wisse genau, dass das Kind in Zamość sei und nicht in Tomaszów, geht einer der Verhörer mit bedrohlicher Geste auf mich los. Ich sage, man wolle mich schlagen, und halte den Telefonhörer wie einen Schutzschild dem Angreifer entgegen. Der Anwalt am anderen Ende der Leitung hat eine Autorität, die mich schützt.
Kurz vor Mitternacht wird mir erklärt, dass Papiere und Fahrzeug einbehalten würden, ich zu einem bestimmten Hotel in der Nähe zu gehen und am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder zu erscheinen hätte. In der Nacht suche ich das Kind. Einer der wenigen Passanten, die noch unterwegs sind, hatte auf meine Frage nach dem Hospital in eine andere Richtung als die zum Hotel gewiesen. Im Hospital finde ich die Unfallstation und in einem winzigen Raum mit Pritsche und Waschbecken den wachhabenden Arzt.
Dr. Zbigniew Kowalczuk hat gerade seine Socken gewaschen, als ich eintrat. Er spricht englisch, er hat ein Jahr in Edinburgh studiert. Er führt mich auf die Wachstation. Im Gitterbettchen liegt Krzysztof reglos auf der Seite. Er atmet fast unmerklich, hat außer Schmerz bisher keine Reaktionen gezeigt. Dr. Kowalczuk kann nicht sagen, ob sein kleiner Patient die schwere Gehirnprellung überleben wird. Um 2 Uhr bin ich im Hotel. Der Nachtportier gibt mir zwei Wassergläser voll Wodka mit aufs Zimmer.
Am nächsten Morgen erwarten mich ein Milizoffizier, eine vereidigte Dolmetscherin und ein KfZ-Sachverständiger, den man aus seinem Urlaub geholt hat. Kontrollfahrt. Bremsversuche. Verhöre. Nachmittags um halb vier bekomme ich Pass, Visum und Bus zurück und die schriftliche Erklärung, dass nichts gegen mich vorliege, ich sei frei. Im Hospital finde ich Vater, Mutter, Schwesterchen und eine Tante am Bett des Kindes, das so klein und so blond ist wie meine Lena in Berlin. Auch auf die Worte und Berührungen seiner Mutter zeigt Krzysztof keine Reaktion. Aber die Familie will sich vor der Wachstation mit mir fotografieren lassen. Sie stellen sich neben mich, und die kleine Tereska greift zaghaft nach meiner Hand.
Der Nachtdienstarzt ist noch nicht da. Als ich zum Ausgang gehen will, in der Absicht, nach Kraków zu Brniak zu fahren, kommt er mir entgegen. Was ich nicht gefühlt habe, sieht er. So kann man nicht wegfahren. Schon gar nicht mit dem Auto, mit dem man gestern ein Kind angefahren hat. Nachdem wir noch einmal nach Krzysztof gesehen haben, nimmt Zbyszek mich mit nach Hause. Bei seiner Frau Jadwiga, den beiden Töchter Małgosia und Basia und den Großeltern erlebe ich eine Gastfreundschaft, die meine Seele wärmt. Erst am Tag vor Ablauf meines Visums fahre ich los. Krzysztof hat noch immer keine Reaktionen gezeigt. Erst zwei Tage später hat er das getan. Ich erfahre es bei der Ankunft in Berlin. Auf dem Heimweg hatte ich einen halben Tag in Auschwitz verbracht.
Obwohl Birgit mit unserer Tochter Jule Lisa im 7. Monat schwanger ist, fahren wir ein Jahr später zusammen über die holprigen Straßen Südpolens nach Łabunie an der Straße von Zamość nach Ost. Die Arztfamilie kommt auch mit. Schon von Ferne sehen wir den Blondschopf, wie er auf einem Schuppendach herumklettert und Ausschau hält nach dem grünen VW-Bus aus Deutschland. Einmal im Monat muss der Vater mit seinem Jungen in die Klinik nach Lublin zur Kontrolle, als Spätfolge könnte es zu Epilepsie kommen. Mutter und Kinder haben Töpfe, Schüsseln, Teller, Gläser und Besteck in der Nachbarschaft zusammengeliehen. Brauner Wodka, Räucherwürste, Hühner, Pilze, Tomaten, Gurken, Speck und alles, was es noch gibt in Ostpolen, ist auf dem Tisch. Wir essen und trinken und freuen uns zwei Tage lang.
Das Bild vom Kinderschuh wurde ich nicht mehr los. Es ist seither in meinem Unbewussten präsent, ein Kristallisationspunkt, der unmerklich Denken und Handeln bestimmt und eine Passion zu befördern in der Lage ist.
In den bewegten Berliner Jahren nach 1968 hatte der Dichter Armand Gatti ein Jahr in Berlin gelebt und gearbeitet. In seinem in dieser Zeit entstandenen Stück „Rosa Kollectiv“, bei dessen Uraufführung am Staatstheater Kassel 1971 auch meine Frau Therese auf der Bühne stand, spiegelt sich seine Suche nach dem, was in Ost und West von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, von ihren Ideen und von ihrem Kampf, geblieben war. An der Stelle im Tiergarten, wo die Leiche der ermordeten Rosa im Januar 1919 in den Landwehrkanal geworfen worden war, fand Gatti nur das Hilton-Hotel, keine Gedenktafel und keinen Namen, nur Strahlen des blausilbern rotierenden Mercedes-Sterns huschten vom Dach des Europa-Centers herab über die nächtliche Szenerie.
Armand Gatti, im Jahr 1943 aus dem Maquis der Wälder von Berbeyrolle verhaftet, mit 16 Jahren zum Tode verurteilt, begnadigt und in ein Lager bei Hamburg deportiert, hat in seinem Stück „Les sept possibilités du train d’Auschwitz“ einen Eisenbahnzug durch Europa irren lassen, dessen Insassen, Auschwitz-Überlebende, in keinem Land willkommen sind. Als ich im März 1987, zwei Wochen vor Erscheinen des „Daimler-Benz-Buchs“, einige freie Tage zu einem Besuch bei den Proben in Wien nutzte, hatte Dante, wie ihn seine Freunde nennen, zu meiner Verwunderung eine Figur „Helmut Bauer“ entworfen, die nicht auf der Bühne erscheint, von der es jedoch heißt, sie würde in Ravensbrück Namen und Bilder der deportierten Frauen aus dem Dunkel holen. Das war fünf Jahre, bevor ich das „Album Deportation“ in London fand, und sechs, bevor ich mich zum ersten Mal auf die Reise nach Ravensbrück machte, um Sigrid Jacobeit die Bilder von Edit Kiss für die Arbeit der Gedenkstätte vorzustellen.
Als Dante nach meiner Promotion im Sommer 1972 ein Stück mit mir zusammen entwickeln wollte über den Schlosser, „qui se tue avec sa propre machine“, habe ich mich verweigert. Das Sterben meines Vaters hatte ich mit mir alleine auszutragen. Ich habe seinen Beruf erlernt und bis Weihnachten 1985 als Schlosser gearbeitet, zuletzt fünf Jahre in meiner schwäbischen Heimat bei Daimler-Benz. Beim Schreiben über innere Bilder, die man nicht los wird, und über Tode, an denen „Niemand schuld“ ist, war ich neben Edit Kiss oft mit dem Schlosser Julius Christian Bauer und dem Studenten Benno Ohnesorg, meinen drei Toten der Jahre 1966/1967, verbunden.

 

1 Götz Aly/Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt a. M. 1991, S. 432–437.